Einordnung von IgG – Antikörpertests

Es existieren viele verschiedene Meinungen in den Medien und der Fachwelt über die Aussagekraft von Nahrungsmittelallergie und -unverträglichkeitstests.

Wir möchten hier einige Punkte aufgreifen und mit unserer Erfahrung dazu beitragen, dass ein differenzierteres Bild zu solchen Tests in der Öffentlichkeit entsteht.

Behauptung: IgG – Tests sind nicht aussagekräftig

Naturgemäß sehen wir das nicht so. Warum? Zunächst einmal ist eine genaue wissenschaftliche Unterscheidung notwendig, welche Antikörper getestet werden, warum diese getestet werden und welche Aussagen damit getroffen werden.

Die EAACI, also die europäische Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie, hat in einem richtungsweisenden Positionspapier 2008 zwei für uns wichtige Aussagen getroffen:

  • IgG4 Antikörpertests sind nicht geeignet um Nahrungsmittelallergien zu diagnostizieren (“In conclusion, food-specific IgG4 does not indicate (imminent) food allergy or intolerance” [1])
  • Tests auf allergenspezifisches IgG spielen sehr wohl eine Rolle bei der Allergiediagnose. Als Beispiel werden Nachweise sog. präzipitierender Antikörper genannt, die hauptsächlich zur IgG-Klasse gehören, wie bei Typ III Allergien. (“Testing for allergen specific IgG, however, certainly has a role in allergy diagnosis. An example is testing for precipitating antibodies, mainly belonging to the IgG class, against Type III allergens.” [1])

Diesem Fazit schließen wir uns mit unserer Erfahrung gerne an – und ist auch der Grund, warum BIOBALANCE keinen IgG4 Test anbietet, sondern einen validen Gesamt IgG-Test, der zwar etwas kostenintensiver ist, dafür aber auf wissenschaftlich solidem Fundament steht. Gesamt-IgG besteht zu 94% aus IgG1, 2 und 3. Diese Subklassen bilden eben diese präzipitierenden Antikörper, die am Ende einer längeren Kaskade zu Entzündungsreaktionen führen können.

Die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI) ist dem Grunde nach der gleichen Meinung, denn sie schreiben nur ein Jahr später in den bis heute gültigen Leitlinien, dass sie das Positionspapier der europäischen Kollegen in der übersetzten Form übernehmen – um dann den (Übersetzungs?)-Fehler zu begehen, statt nur IgG4, in manchen Passagen von IgG4 und Gesamt-IgG zu schreiben. Ein Versehen – mit weitreichenden Folgen für das Verständnis und inhaltlichen Korrektheit.

Wer tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem sei statt biochemischer Grundlagenartikel zu IgG, Komplementsystem und humanen Entzündungswegen, das popular-wissenschaftliche Wikipedia empfohlen. Es hat natürlich nicht die wissenschaftliche Güte, ist dafür aber für Laien verständlich geschrieben und bietet einen fundierten Einblick für jeden Interessierten:


Warum die Vermeidung von Entzündungen unser eigentliches Ziel ist, kannst Du auf unserer Webseite unter Hintergrundwissen nachlesen.

[1] Zum Positionspapier der EAACI, hier klicken.

Behauptung: Wenn Allergietests, dann IgE und das kann man beim Hausarzt oder Allergologen bekommen und wird von der Krankenkasse erstattet.

Tests auf sog. IgE-Antikörper weisen die “klassische” Allergie nach, die nach dem Genuss der Lebensmittel sehr schnell Symptome produziert (“Sofortreaktion”). Die meisten Menschen kennen bereits ihre persönlichen Allergene, eben weil die Symptome oft direkt nach dem Verzehr auftreten. Beißt Du in ein Lebensmittel und wenige Minuten später gehen die gesundheitliche Probleme los, dann ist das spätestens nach 2-3 maligem Ausprobieren klar. Außerdem können diese Sofortallergien auch sehr gefährlich werden, da sie einen anaphylaktischen Schock auslösen können. Und deshalb schließen wir uns der Meinung an: Diese Diagnostik gehört in die Hand von Fachleuten! Deshalb bietet BIOBALANCE auch keinen IgE-Test an, aber wie schon weiter oben ausführlich erklärt, werden hier Äpfel mit Birnen verglichen, nämlich IgG mit IgE Antikörpern, und das macht keinen Sinn.

Behauptung: IgG – Antikörper sind eine physiologische, natürliche Reaktion des Immunsystems auf Lebensmittel, mit denen er sich auseinandersetzt.

Auch hier gilt – wenn, dann kann man das  nur von IgG4-Antikörpern behaupten. Aber es gibt noch einige andere bedenkenswerte Aspekte zu dieser These. Sie ist nämlich genau das – eine (aus unserer Sicht eher) steile These. Erstens  existiert unseres Wissens nach keine valide Studie, welche diese Aussage überhaupt belegt. Und zweitens deckt sich diese Behauptung weder mit unseren Daten, noch mit den Erfahrungen Tausender von Anwendern, Ärzten und Heilpraktikern.

Hier eine Statistik unseres Labors zu

  1. Schweinefleisch (Konsum in Deutschland: 40 kg pro Kopf pro Jahr)
  2. Kaffee, ca. 72% aller Deutschen

Wäre die o. g. Aussage korrekt, müssten sich IgG Reaktionen ja bei fast allen getesteten Menschen zeigen.
Tatsächlich ist dies nicht einmal annähernd der Fall, wie man hier sehen kann:

 

LebensmittelGetestete PersonenOhne ReaktionMit Reaktion in %
Schwein718566866,95% (499)
Kaffee745270585,29% (394)

Fazit

Abschließend sei eine subjektive, ganz und gar unwissenschaftliche Bemerkung erlaubt:

Dass Kritiker ca. 25 – 40% der deutschen Bevölkerung unterstellen, dass sie an einer kollektiven Wahrnehmungsstörung leiden, halten wir für bedenklich und nicht haltbar. So viele Menschen geben in Deutschland nämlich je nach Quelle an, Unverträglichkeitsprobleme zu haben. Und das Argument, dass die IgG-Diagnostik schulmedizinisch nicht bewiesen sei, mutet seltsam an, da die Behauptungen der Kritiker schulmedizinisch ebenfalls nicht bewiesen sind.

Wir können  mit der Erfahrung von 15 Jahren forschender Ernährungsmedizin mit unzähligen Fachleuten sowie 1,5 Millionen getesteten Lebensmittelallergenen berichten, dass sich die Gesamt IgG-Diagnostik im Alltag sehr bewährt hat und bei korrekter Einhaltung der Ernährungsempfehlungen auch keine Mangelernährung möglich ist, denn für sämtliche zu meidenden Lebensmittel werden entsprechende Ersatzquellen berücksichtigt. Davon abgesehen ist eine Elimination der Allergene zeitlich limitiert. Wenn man unseren Ausführungen mit der gebotenen Neutralität verfolgt, zeigt sich schnell, dass viele Aspekte in der Diskussion nicht differenziert genug betrachtet werden.

 

Studienübersicht einiger Arbeiten zur Bedeutung von IgG Antikörpern (kleine Auswahl):

„The value of eliminating foods according to food-specific Immunoglobulin G antibodies in Irritable Bowel Syndrome with Diarrhoea“ von Hon Guo et. al. 2010 (The Journal of International Medical Research 2012; 40:204-210). 

Bei 77 Patienten mit Reizdarmsyndrom (mit Diarrhoe) und ohne sonstige Begleiterkrankungen wurde im Vergleich zu einer Gruppe von 26 Patienten ohne Reizdarmsyndrom ein signifikant größerer Anteil von Reizdarmsyndrom-Patienten mit erhöhtem IgG-Spiegel im Vergleich zu Personen ohne Reizdarmsyndrom festgestellt. Die nachfolgende Ausschlussdiät auf Grundlage der erhöhten IgG-Werte bei 35 Patienten brachte eine signifikante Verbesserung der Reizdarmsyndrom-Beschwerden mit sich.


IgG-basierte Eliminationsdiät bei Migräne und Kopfschmerzen – Zusammenfassung der Studie von Lewis etal., (2013)

Bei Migräne und Kopfschmerzen führte der Ausschluss von IgG positiv getesteten Lebensmitteln über einen Zeitraum von 90 Tagen zu einer signifikanten Besserung der Symptome und Lebensqualität, gemessen anhand der MTAQ und SF-36 Fragebögen.

Weiterhin (Auszüge):

Migräne
Alpay, K. et al. 2010. Diet restriction in migraine, based on IgG against foods: A clinical double-blind, randomised, crossover trial. Cephalalgia 30(7):829-837

Aydinlar, E., et al. 2013. IgG-based elimination diet in migraine plus irritable bowel syndrome. Headache 53(3):514-525

Rees, T. et al. 2005. A prospective audit of food intolerance among migraine patients in primary care clinical practice. Headache 2(1):11-14

Morbus Crohn
Uzunismail, H. 2012. The effects of provocation by foods with raised IgG antibodies and additives on the course of Crohn’s disease: a pilot study. Turk J Gastroentrol 23(1):19-27

Bentz, S. et al. 2010. Clinical relevance of IgG antibodies against food antigen in Crohn’s Disease – A double blind cross over diet intervention study. Digestion 81:252-264

Reizdarm
Aydinlar, E., et al. 2013. IgG-based elimination diet in migraine plus irritable bowel syndrome. Headache 53(3):514-525

Atkinson, W., et al. 2004. Food elimination based on IgG antibodies in irritable bowel syndrome: a randomised controlled trial. Gut 53:1459-1464

Drisko, J., et al. 2006. Treating irritable bowel syndrome with a food elimination diet followed by food challenge and probiotics. Journal of the American College of Nutrition 25(6):514–522

Guo, H., et al. 2012. The value of eliminating foods according to foodspecific immunoglobulin G antibodies in irritable bowel syndrome with diarrhea. The Journal of International Medical Research 40:204-210

Übergewicht
Wilders-Truschnig, M., et al. 2008. IgG antibodies against food antigens are correlated with inflammation and intima media thickness in obese juveniles. Experimental and Clinical Endocrinology & Diabetes 116(4):241-245

Hauterkrankungen
Cannistra, C. et al. 2013. New perspectives in the treatment of hidradenitis suppurativa: surgery and brewer’s yeast-exclusion diet. Surgery 154(5):1126-1130

Michaelsson, G. et al. 2000. Psoriasis patients with antibodies to gliadin can be improved by a gluten-free diet. British Journal of Dermatology 142(1):44-51